Konflikte im Mensch-Hund Team

Ein immer wieder aufkommendes Thema, wenn es um das Zusammenleben mit Hunden geht, sind Konflikte.

Während darüber teilweise wirklich sehr emotionsgeladene Diskussionen stattfinden, möchten wir uns einfach mal sachlich mit dem Thema auseinandersetzen.

Was verbirgt sich hinter dem Wort Konflikt?

Die Definition besagt, dass ein Konflikt eine schwierige Situation infolge des Aufeinanderprallens unterschiedlicher Interessen, Forderungen oder Meinungen ist.

Dies kommt im täglichen Zusammenleben sehr häufig vor – intrinsische aber auch extrinsische Konflikte, die eine Kompromissbereitschaft zur Folge haben, wenn Konflikte als Chance gesehen werden.

Ein Hund möchte rausgehen, es regnet und der Halter empfindet keinen großen Drang, dem Bedürfnis des Hundes nachzugehen – es entsteht ein Konflikt zwischen zwei Individuen.


Es braucht aber nicht immer ein Gegenüber, um in einen Konflikt zu geraten.
Glaubt ihr nicht?
Es kommt ein toller Film. Wir sitzen bequem auf der Couch, es ist gerade spannend und wir haben Durst. Holen wir uns schnell etwas zu trinken, oder warten wir bis zur Werbung - oder noch drastischer, es kommt einfach keine Werbung?
Der Konflikt wird verschärft, wenn wir noch dazu auf die Toilette müssen.

Auch unsere Hunde kommen immer wieder in Konflikte.
Euer Hund hasst Regen?
Er muss aber raus. Folglich kommt es auch hier zu Konflikten.

Die eigentlichen Konflikte, über die heiß und hart diskutiert wird, sind jedoch andere.

Der Hund testet seine Grenzen aus. Haben wir das nicht alle schon einmal gehört?
Der Hund hat einen bequemen Liegeplatz mitten im Flur gefunden und man möchte zur Haustüre gehen – Hund sieht aber keine Veranlassung, seinen Liegeplatz woanders hin zu verlagern.
Er liegt im Weg? Konflikt!

Nun gibt es die Sorte Menschen, die dazu tendieren, dass man Konflikte mit seinem Hund austragen und ihm zeigen müsse, dass man selber in Konfliktsituationen die Oberhand behält. Nur so werde der Hund lernen, dass man ein starker, souveräner Partner ist, der Hund sich auf einen verlassen kann und sich sicher ist, weil er selber keine Konflikte lösen braucht.
Auch wird der positiven Fraktion sehr gerne vorgeworfen, man vermeide es, Konflikte mit seinem Hund auszutragen. Oder noch besser, man sei in Bezug auf den Hund nicht konfliktfähig und missachte die Biologie des Hundes.
Ich schildere einmal einen Konflikt unter Hunden, wie ich ihn häufig in meinem eigenen Haushalt erlebe. Hund 1 will Hund 2 zum Spielen auffordern. Hund 2 hat aber gerade keine Lust. Hund 1 beginnt aufdringlich zu werden und zwickt Hund 2 leicht in die Hinterbeine. Hund 1 ist nämlich ein astreiner Hüter und glaubt, mit etwas heeling an sein Ziel zu kommen.
Hund 2 ist also nun in einem Konflikt und wird diesen im eigenen Interesse auf folgende Weisen lösen:

- er gibt nach und spielt
Unwahrscheinlich, da er nämlich überhaupt keine Lust hat gerade zu spielen.

- er wird Hund 1 maßregeln und somit im Konflikt die Oberhand behalten
Die Vertreter der „Konflikte muss man austragen“-Meinung werden hier begeistert aufjubeln, aber auch hier muss ich sagen: Nein, Hund 2 ist nämlich ein sozial sehr gut geprägter Hund.

- die Lösung des Konfliktes sieht bei Hund 2 wie folgt aus:
er dreht sich einfach weg, ohne Hund 1 groß Beachtung zu schenken. Das Ganze macht er etwa vier bis fünf Mal und Hund 1 hat kapiert, dass Hund 2 keine Lust und er mit seinem Verhalten keinen Erfolg hat.

Hund 2 hat also hier sehr souverän und unaufgeregt einen sich anbahnenden Konflikt gelöst, bzw. im Keim erstickt. Und wodurch? Durch Nichtbeachtung.

Es wird sehr häufig propagiert, dass man der gelassene, souveräne und vorbildliche Führer sein soll. Doch bin ich das ernsthaft, indem ich alles Mögliche an Konflikten mit und über meinem Hund austrage? Bin ich wirklich souverän, wenn ich mich von meinem Hund so provoziert fühle, dass ich dauernd das Gefühl habe, ich müsste in jedem Konflikt das letzte Wort haben?
Ich würde das eher als etwas komplexbehaftet bezeichnen.

Souverän und gelassen ist man, wenn man auch mal dem Hund seinen Willen lassen kann. Wenn man Konflikte erkennt und bereits gelöst hat, bevor der Hund überhaupt gemerkt hat, dass ein Konflikt entsteht. Und wenn ein Konflikt entsteht, den man klären muss, wie man diesen friedlich löst - ohne den Hund maßregeln zu müssen.

Mit Konflikten umzugehen ist sicher ein Lernprozess, den jeder für sich durchlaufen muss.
Muss man lernen mit Konflikten umzugehen?
Ich sage ja. Für ein respektvolles und harmonisches Zusammenleben ist das richtige Umgehen mit Konflikten unabdingbar.

Ich möchte noch auf ein paar Beispiele eingehen.

Man geht in einer dunklen Gasse mit seinem Hund spazieren. Es kommt ein Fußgänger entgegen, den der Hund bedrohlich findet und er beginnt steif zu werden, sich groß zu machen und leise zu drohen.
Der Hund ist in einem Konflikt.
Klar, nun kann ich diesen Konflikt natürlich annehmen und ihn maßregeln. Ich kann ihn mit Wasser anspritzen, ihm einen Rempler geben, ihn zwicken oder treten, äh sorry, anstupsen. Trägt diese Art der Konfliktlösung wirklich dazu bei, dass der Hund den Fußgänger das nächste Mal angenehmer empfindet? Oder haben wir dafür gesorgt, dass der Hund sich in seinem Misstrauen noch bestätigt fühlt?

Ich könnte aber auch den Hund ansprechen, ihn zu mir lenken mit einem gut sitzenden Umorientierungssignal, welches positiv aufgebaut, bereits einen hormonellen Prozess in Gang setzt, welcher das Unwohlgefühl des Hundes etwas abmildert. Ich könnte dieses Umorientieren wieder belohnen, mit dem, was dem Hund Freude bereitet. Und während der Fußgänger passieren kann, habe ich meinen Hund bei mir und ihm diese Situation angenehm gestaltet.
Doch wie ist das, wenn der Hund nicht mehr ansprechbar ist. Wenn behauptet wird, man müsse den Hund „kicken“, um ihn wieder ansprechbar zu machen?
Durch das Setzen positiver Reize, wie zum Beispiel einem Markersignal, setze ich ebenfalls hormonelle Prozesse frei und hole den Hund dadurch ebenso schnell und zuverlässig in den „Vorderhirnbereich“, wodurch er ansprechbar wird.
Nun kann man sich schon einmal ein Bild darüber  machen, wie man gerne einen Konflikt lösen möchte.

Andere Beispiele sind, dass der Hund im Gang schläft und ich an ihm vorbei in die Küche möchte.
Ich bin also nun auch wieder in einem Konflikt mit dem Hund. Ich könnte diesen Konflikt selbstverständlich annehmen, den Hund aufscheuchen und ihn zur Seite befehligen, damit ich durchgehen kann.
Oder aber ich lass den Hund überhaupt nicht merken, dass ich gerade in einen Konflikt mit ihm kommen würde. Ich steige einfach drüber. Hund hat nix gemerkt, pennt friedlich, ich hab mir keinen Zacken aus der Krone gebrochen und sowohl meine, als auch des Hundes Nerven deutlich geschont.

Zum Abschluss möchte ich mich wohl einem der häufigsten, aber auch einem sehr vielfältigen Konflikt widmen. Der Hund bellt und rennt zur Tür, wenn es klingelt.
Für Menschen, die hiermit ein Problem haben, ist diese Situation purer Stress. Sie möchten die Tür öffnen, können es aber nicht, weil der Hund herumbrüllt. Das ist Konflikt Nummer 1.
Der Hund soll aufhören zu bellen, damit man die Tür öffnen kann. Konflikt Nummer 2.
Und dann beginnt die Überlegung, wie man es verhindern kann, dass der Hund beim Klingeln bellt und zur Türe rennt. Nun ist es, wie oben beschrieben so, dass manchen Menschen Konflikte gerne austragen und sie für sich entscheiden. Man sagt also nun, "er soll aufhören". Konflikt erledigt. Das betifft aber nur die menschlichen Konflikte, denn es gibt einen Grund, warum der Hund bellt. Sei es Angst, Unsicherheit oder weil er einfach ein Problem damit hat, wenn andere Menschen kommen.
Der Hund löst seinen Konflikt hier mit bellen, was auch meistens funktioniert. Es klingelt, es wird gebellt, Mensch geht wieder. Erfolg festigt Verhalten.
Wenn wir als Menschen aber nun lediglich das Bellen unterbrechen, indem wir ihn mit Wasser bespritzen, ihm Dosen zwischen die Beine schmeißen oder mit Starkzwang arbeiten, was ändert das an der Motivation?

Haben wir Menschen weniger Angst vor etwas, nur weil wir den Mund zugeklebt bekommen und nicht mehr aussprechen können, dass wir Angst haben?
Wohl kaum.

Sollten wir nicht lieber denken, wie wir dem Hund zeigen können, wie er auf das Klingeln ein anderes für sich lohnendes Verhalten ausführen kann? Zum Beispiel könnten wir das Klingeln als Signal dafür aufbauen, dass sich der Hund zu seinem Kissen begibt und dort hinlegt. Eine sehr viel elegantere und fairere Lösung für den Hund.

Wie ihr seht, kann man Konflikte immer auf verschiedene Arten lösen. Was uns Menschen jedoch als Vorteil anhaftet ist, dass wir logisch und komplex denken können. Also machen wir uns doch diese Funktion ganz einfach zu Nutze und antizipieren, vermeiden oder lösen, wenn es sein muss, einfach Konflikte souverän und gelassen. Nehmen wir doch in Konflikten unseren Hund, bildlich gesprochen, an die Hand, begleiten ihn durch den Konflikt und zeigen ihm, wie wir Konflikte friedlich und kooperativ lösen.

 

Blogparade 2018

Dieser Artikel erscheint im Rahmen der Blogparade 2018 zur Aktion „Tausche TV-Trainer-Ticket gegen Training“ der Initiative für gewaltfreies Hundetraining. Seit 2014 tauschen mehr als 150 TrainerInnen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz gebrauchte TV-Trainer-Tickets für ein halbes Jahr nach der Veranstaltung gegen eine Gratis-Trainingsstunde.

 

Alle Artikel der Blogparade findet ihr unter: http://www.dogsinthecity.at/2018/03/15/die-fabel-von-der-ruhigen-energie/

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