Das Kinntarget - und was es mit uns macht

IMG 2828Charly, mein 3 jähriger Labrador, hat seit fünf Tagen mit einem ziemlich aggressiven Magen-Darm-Virus zu kämpfen. Erbrechen, Durchfall, Apathie und akute Schmerzen - die ganze Palette eben. Wir waren mehrfach beim Arzt, bekamen Medikamente. Heut mussten wir in die Klinik. Charly war sehr gestresst - neben seinem desolaten gesundheitlichen Zustand, musste er das Röntgen und Blutabnehmen über sich ergehen lassen. Fremde Menschen, die ihn anfassten, an ihm vorbei liefen, neue, ungewohnte Gerüche, eine laut weinende Frau im Wartezimmer - all das machte meinen sonst so fröhlichen Hund zu einem Häufchen Elend. Er bekam eine Infusion die 30 Min. lief, deswegen bat ich, mit ihm im Behandlungszimmer bleiben zu dürfen. Ich setzte mich zu ihm auf den Boden und umarmte ihn. Das Personal war sehr freundlich und offenbar ziemlich überrascht, dass sich jemand auf den dreckigen Boden zu seinem Hund setzt - mit Hundehaaren übersät - um seinem Hund Sicherheit zu geben. Ich reichte Charly meine linke Hand. Was machte er? Er legte seinen Kopf vertrauensvoll hinein.
Dieses Auflegen - das Kinntarget - war für uns in diesem Moment eine unglaubliche Erleichterung.
Warum ?


IMG 2829Für ihn ist meine Hand sein sicherer Hafen, sein Anker, der ihm Halt gibt, wenn er Angst hat, unsicher oder gestresst ist.

Wie kann eine Hand eine solche Wirkung haben?

Ich habe ihm zuhause gezeigt, dass meine Hand ihm Gutes tut.


Wie funktioniert das?
Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, das Kinntarget aufzubauen:

Die klassische Variante
Man bietet dem Hund seine Hand an und markert jede Bewegung, die in Richtung der Hand zeigt - so kann man Schritt für Schritt das Auflegen trainieren. Manche Hunde legen den Kopf ganz intuitiv ab, dann kann man damit beginnen, an der Dauer des Auflegens zu arbeiten. (Detailliertere Anleitungen findet ihr zuhauf im Netz)
Eine andere Möglichkeit ist, sich neben seinen Hund zu setzen und ihn zu streicheln, wenn er in Kuschellaune ist. Vielleicht legt er den Kopf auf das Bein oder liegt auf einem Kissen. Schiebt man seine Hand vorsichtig unter sein Kinn, streichelt ihn weiter und schmust mit ihm, wird er die Berührung unter seinem Kind mit Entspannung verknüpfen. Es wird Oxytocin ausgeschüttet und genau dies kann ein Wundermittel in Akutsituationen sein.
Unser Hund halt also gelernt: Hand unter dem Kinn = Entspannung, Vertrauen, Sicherheit

Wie in unserem Fall in der Klinik, in der er sehr angespannt war, konnte ich das Kinntarget nutzen um ihm zu helfen. Ich spürte, wie sein Kopf in meiner Hand schwerer wurde, wie sich seine Nackenmuskulatur langsam entspannte und die Entspannung den ganzen Körper durchlief. Er konnte durchatmen.

Ich wurde mal gefragt, warum ich denn für solche Situationen kein „Touch“ ( das Berühren seiner Nase an meiner Hand) nutze. Ich erlebe häufig, dass das „Touch“ mit einem erhöhten Erregungsniveau einhergeht. Bei uns ist das „Touch“ zum Beispiel oft beim Spazierengehen im Einsatz als kurzes „Hallo, ich bin da“. Und - auch wenn das Nasentarget mit Entspannung verknüpft ist - kann es eins nicht: die Muskulatur entspannen. Dies trägt meiner Meinung nach aber maßgeblich zum Erfolg bei. Versucht es einmal selbst und beobachtet, was mit eurer Muskulatur passiert. Legt man das Kinn auf seine Hand, sinken die Schultern nach unten und die Anspannung im Nacken wird reduziert. Hält man die Hand flach vor die Nase und drückt mit der Nase leicht gegen die Hand, bleibt eine Grundanspannung erhalten mit einer leichten Tendenz nach vorn. Jedes Target, jedes Kooperationssignal hat seine Berechtigung und ist so individuell wie all die Mensch-Hund-Teams, die damit arbeiten. Deswegen gibt es kein „ besser“ oder „schlechter“ - für mich ist das Kinntarget ein kleines, aber sehr wirkungsvolles Werkzeug, Charly zu unterstützen.
Ein weiterer nicht zu unterschätzender Aspekt ist übrigens, dass mit dem Abfallen der Anspannung des Hundes auch das eigene Stresslevel nachlässt - und das wiederum hat positive Auswirkungen auf unseren vierbeinigen Freund.
Es sind diese kleinen, vertrauensvollen Gesten, die unseren Hunden Sicherheit geben. Durch Kooperationssignale wie das Kinntarget, nimmt man den Hund buchstäblich an (in) die Hand und führt ihn durch Situationen, mit denen er überfordert ist.

 

Was, wenn das Kinntarget nicht funktioniert ?

Zuerst stellt sich die Frage, was denn genau „nicht funktionieren“ bedeutet. Ein großer Fehler kann die eigene Erwartungshaltung sein, denn sie führt unweigerlich zu unterbewusstem Druck, der den Hund nicht zur Ruhe kommen lässt. Manchmal sind es nur Sekunden, die ein Hund durch diese Berührung entspannen kann, manchmal Minuten - die Dauer sagt aber nichts über die Qualität und die Auswirkung auf den Hund aus. Es geht also nicht darum, die Hundeschnauze möglichst lang auf der Hand zu lassen, sondern um ein gegenseitiges Kooperieren - um ein Geben und Nehmen in Situationen, in denen man einander braucht.
Damit ein Kinntarget seine Wirkung zeigen kann ist es wichtig, die Übung zu 80- oder gar 90% in entspannten Situationen auszuüben und sich die verbleibenden 10-20% für Ereignisse aufzuheben, bei denen ein solches Kooperationssignal nötig ist. 

Danke lieber Charly für dein Vertrauen, welches du in meine Hände legst.

 Eure Aurea