Das Ding mit der Impulskontrolle

 

Ein für viele Hundehalter wichtiger Faktor ist die Impulskontrolle. Über wenige Dinge wird sich im Hundetraining so viele Gedanken gemacht wie über diese.

Da teilt man sich Löffelchen ein, spielt das 10-Leckerchen-Spiel, vermeidet Situationen, wenn der Hund keine Löffel mehr übrig hat, wundert sich aber, warum der Hund ausflippt, obwohl er eigentlich noch alle Löffelchen übrig haben müsste.

Doch wie kommt das? Warum tickt der Hund aus, wenn er doch eigentlich noch Impulskontrolle übrig haben müsste und warum funktionieren manchmal Sachen mit bereits verbrauchter IK?

Kann man denn IK überhaupt verbrauchen? Ist Impulskontrolle eine endliche Ressource, ein Akku der sich bei Gebrauch entlädt und zugleich ein Muskel, den man sowohl zum Erschlaffen - aber auch zum Wachsen bringen kann?

"Ja", sagen die einen. "Nein", die anderen. Die Wahrheit wird wohl irgendwo in der Mitte liegen.

Doch viel wichtiger, als sich ständig Gedanken über Löffel zu machen, wenn man gerade keinen Kaffee umrühren muss, ist, sich andere Faktoren im Hinterkopf zu behalten.

ik

Zu allererst ist es doch einmal wichtig, dass man weiß welchem Reiz der Hund ausgesetzt wird und wie seine Motivation auf diesen Reiz ist.

Ein Impuls entsteht, wenn eine allgemeine Motivation auf einen in der Umwelt gelegenen aktivierenden Reiz trifft. Der Impuls bildet eine Art Antrieb, auf den Reiz mit einem bestimmten Verhalten zu reagieren. Impulse sind auf das Erreichen kurzfristiger Ziele gerichtet, die die persönlichen Bedürfnisse des Individuums widerspiegeln (Hofmann, Friese & Strack, 2009).

Wie hoch ist die Motivation, die auf den Auslöser folgt? Dementsprechend wird der Hund auch ein Verhalten zeigen - oder eben nicht.

Nun wird man sagen: "Klar, klingt logisch".  Wenn ich vor einer Tafel Schokolade sitze, wird meine IK sicher auch eher versagen, als vor einem Brokkoli.

Doch warum kann ich, wenn ich ausgeruht bin, der Tafel Schokolade eher widerstehen und wenn ich den ganzen Tag arbeiten war nicht?

Weil meine IK durch die Arbeit entladen ist? Ich sage, nein, mit Nichten. Das hängt hier sehr individuell von modulierenden Faktoren ab.

Ich nenne sie einfach einmal "Well-being" Faktoren. Das ist die psychologische und physiologische Tagesform. Hierzu zählen Faktoren wie Stresszustand, Hunger, Erregungstransfers, Bedürfnisbefriedigung, etc. Solche Faktoren gibt es sehr viele. Alles das, was Einfluss auf mein Wohlbefinden hat, wird auch die Impulskontrolle beeinflussen.

Wenn ich Hunger habe, werde ich gewissen Reizen weitaus weniger gut widerstehen können. Das heisst aber prinzipiell nicht, dass ich zu diesem Zeitpunkt bereits IK verbraucht habe.

Neben dem Modell der sich erschöpfenden IK gibt es auch noch ein weiteres Modell, dass Selbstkontrolle in einem ständigen Motivationswandel sieht. Habe ich mich richtig kontrollieren müssen, dann ist es  in der nächsten Situation keine Frage mehr des Müssens,  sondern des Wollens. Wenn ich mich beim Mittagessen richtig beherrscht habe um keinen zweiten Knödel zu essen, dann strebt mein Körper und mein Geist nach innerem Wohlbefinden. Ergo, will ich auf das Stück Schokolade zum Kaffee nicht verzichten.

Mal auf unsere Hunde umgelegt bedeutet das:

Wenn ich mich bei dem einen Hund unglaublich zusammengerissen habe, um nicht hinzulaufen, hab ich aber jetzt richtig Bock zu spielen. Diesem Empfinden kann der Mensch nun nachkommen, indem er mit dem Hund zockt, um den Hund wieder ins Müssen/Wollen Gleichgewicht zu bringen - oder aber er kann Löffel abziehen und hoffen, dass die letzten drei Silberbesteckteile  für die nächste Hundebegegnung ausreichen.

Oder mal anders gefragt, wenn Hunde kontextbezogen lernen, warum sollte er mehr Impulskontrolle bei Hundebegegnungen zeigen, wenn ich vor ihm Leckerlis abzähle?

Ich möchte damit bitte nicht irgendwelche Spiele schlecht reden. Nein, im Gegenteil, ich spiele dieses Spiel auch immer wieder Mal und finde es toll. Mein Hund liebt es. Ebenso wie er schwimmen liebt, oder buddeln, oder rennen.

Im Endeffekt sollte sich jeder dem Thema so nähern, wie er es für seinen Hund richtig befindet. Ich hätte nur einen Tipp für die Leute die gerne Löffel zählen:

Achtet doch einmal drauf, welchen Einfluss "well-being" Faktoren auf euere Löffel haben, welchen Einfluss Bedürfnisbefriedigung nach einem "IK-verbrauchendem" Ereignis hat und versucht doch mal die Motivation euerer Hunde auf gewisse aktivierende Reize einzuschätzen. Vielleicht steckt in euerem Hund ja viel mehr Impulskontrolle als ihr vermutet habt.

 

A Series of Meta-Analytic Tests of the Depletion Effect: Self-Control Does

Not Seem to Rely on a Limited Resource