Hundetraining auf dem Silbertablett


In Zeiten einer multimedial gelenkten Gesellschaft, in der Problemlösungen jederzeit, - transparent und quasi allgemeingültig - auf dem Silbertablett konsumfertig serviert werden, welch Daseinsberechtigung haben da eigentlich noch wirkliche Experten und Fachleute?

Eine Erläuterung zum Phänomen Fernseherziehung


1.      Wie ist der Aufbau dieser Formate?

2.     Was sind die Inhalte und was wird vermittelt?

3.     Wer vermittelt uns die Inhalte?

 


Zu 1


Der Aufbau der Formate gestaltet sich im Regelfall immer komplett identisch. Wir bekommen einen Problemfall serviert. Dieser wird möglichst drastisch dargestellt. So wird aus einem Hund, der an der Leine zieht - durch die richtige Kameraführung, einen gut bezahlten Herrn mit dramatischer Stimmlage, markigen Sätzen und ein bisschen Stimmungsmusik - im Handumdrehen eine Bestie aus dem Hut gezaubert, die nicht mehr anders zu handeln ist, als durch das Training des dann erscheinenden Hauptakteurs. Dem Experten.

 

Es folgt ein kurzer Vorspann, eventuell der Hinweis, dass man natürlich alles, was in der Sendung vorkommt, nicht ohne einen solchen Fachmann anwenden soll.

Dann erfolgt eine kurze Analyse des Verhaltens und prompt auch schon das Training, welches derart zusammengeschnitten wird, dass der geheilte Hund im Abspann schon fast binnen weniger Minuten wunderbehandelt wirkt.

Auch der Ablauf ist hier eigentlich bei jedem Format gleich. Problem, Analyse, Training, Erfolg.


Zu 2

Was sind die Inhalte und was wird vermittelt?


Die Inhalte decken sich und sind ebenfalls identisch. Lediglich der Sender, der oben eingeblendet ist, sowie der jeweilige Hauptdarsteller differiert. Wir sehen Hunde mit Leinenproblemen, mit Ressourcenproblemen, Hunde die nicht alleine bleiben können oder Hunde, die Dinge vom Boden fressen, obwohl dies nicht gewünscht wird oder Hunde, die bellen.

Dabei sieht man Hunde diverser Rassen und auch Mischlinge. Während in manchen Formaten eher der Familien- oder Haushund im Mittelpunkt steht, sind es in anderen Sendungen die, die natürlich sonst eingeschläfert und dank des Experten nun gerettet werden sollen. Ja klar, ein Hund der an der Leine pöbelt, wird logischerweise umgehend euthanasiert. Würde ich einen Hundehalter auf der Straße ansprechen und ihm sagen, dass sein Hund eingeschläfert werden muss, weil er meinen anbellt, (würde er mir wohl getrost einen Vogel zeigen?) er würde mich wohl mit einem Fluch belegen, mir würden die Haare ausfallen und ich hätte die nächsten 30 Jahre mit Fußpilz und Durchfall zu kämpfen. Kommen diese Sätze aber durch einen kleinen flachen Kasten, wird aus der zuvor noch völlig abstrusen Behauptung ganz plötzlich bitterer Ernst und der Herr, der den Hund ordentlich an der Leine zum Gehen bringt, zum Lebensretter.

Wenn man mal in einer ruhigen Minute darüber nachdenkt, merkt man eigentlich, wie schwachsinnig das ist.

 

Zu 3

Wer vermittelt uns die Inhalte?

Naja, das ist durchaus breit gefächert. Während es einerseits Menschen sind, die durchaus eine Ausbildung gemacht haben, sich mittlerweile ein riesigen Franchiseapparat aufgebaut haben und deren einzige Fortbildung seit Jahren darin besteht, sich mit den eigenen Lehrlingen auszutauschen, sind es andererseits Menschen, die keine Ausbildung haben und über keinerlei fachlich fundiertes Wissen verfügen. Menschen, die sogar durch eine relativ einfache Überprüfung ihrer Sachkunde fallen.


Nun kann man sagen, „ Ok, dem mit der Ausbildung kann man schon mal glauben.“

Ob ich einen Kfz -Mechaniker, der seine Ausbildung 1995 an einem Opel Kadett gemacht hat und sich seitdem lediglich mit Fahrzeugen gleicher Fabrikate befasst, an meinem elektronischen Bremsassistenten rumschrauben lassen würde, müsste man situativ entscheiden. Ich tendiere hier eher zu nein. Ich hätte da schon gerne jemanden, der sich schon Mal mit diesen Systemen befasst hat.

Dass ich aber jemanden, der Autos nur aus dem Fernsehen kennt und weil er früher seinem Opa beim Autowaschen zugesehen hat, den Austausch meiner Bremsscheiben anvertrauen würde, das kann ich zu 100 Prozent ausschließen.

Selbst dann nicht, wenn das Auto sonst verschrottet werden würde. Dafür gäbe es dann Fachwerkstätten vor Ort.

Aber warum glaubt man alles, was von den so genannten Experten da im TV so suggeriert wird?

Ganz einfach: Es ist simpel! Es passt in unser Weltbild und unseren gehetzten Alltag! Es liefert vorgefertigte Problemlösungen!

 

Der Hund rennt bellend zur Tür?

Wirf ihm eine Schraubenflasche zwischen die Beine.

Keine Zeit damit verschwenden zu analysieren, warum der Hund das macht. Hat er Angst? Hat er ein Problem? Egal, Hauptsache er bellt und nervt mich nicht mehr.


Der Hund zieht an der Leine und pöbelt andere an?

Nimm eine dünne Würgeschlaufe, ruck ein paarmal dran und kick ihm mit der Ferse in die Wampe, während du ihn anzischst.

Keine Zeit damit verschwenden zu analysieren, warum der Hund andere anpöbelt. Ob er Angst hat und das Anpöbeln eine gut erlernte Strategie ist, den Angstauslöser zu vertreiben. Ob er Frust hat und eigentlich nichts Böses will, sondern lediglich stinkegenervt ist. Egal, Hauptsache ich brauche mich nicht dumm ankucken zu lassen, weil sich mein Hund aufführt.


Dein Hund knurrt dich an?

Pack ihn im Nacken und dreh ihn auf den Rücken.

Keine Zeit damit verschwenden zu analysieren, warum mich der Hund anknurrt. Was ist die Ressource, liegt es an einer Ressource, warum hat der Hund Angst um seine Ressource.

Muss ich denn nicht nur einfach mein eigenes Verhalten etwas modifizieren um eine Verhaltensänderung beim Hund zu bewirken?

Eigentlich ist das ja doof, denn warum soll ich mich ändern, wenn der Hund in meinen Augen Mist baut?

Die Erklärungen der vermeintlichen TV-Experten sind kurz, prägnant und treffen bei den mit Verlaub gesagt, thematisch ungebildeten Zusehern mitten ins Schwarze. Warum? Sie sind menschlich verständlich.

Natürlich wollen wir unsere Hunde nicht vermenschlichen. Natürlich ist der Hund dominant.

Wir nehmen diesen vorgefertigten Brei so in uns auf, dass wir das selbstständige Denken eigentlich komplett einstellen. Würde man nämlich einmal genau drüber nachdenken, würde man sehen, dass genau diese Erklärungen, die dort verwendet werden, die pure Vermenschlichung sind.

Es werden dem Hund diverse Fähigkeiten unterstellt, wie das Streben nach Macht und Stellung, obwohl man doch kurz zuvor noch behauptet hatte, ein Hund lebe nur im Hier und Jetzt. Wie soll denn jetzt ein Hund, der nur im Augenblick lebt und denkt, kognitiv so beschlagen sein, in Machterlangungsstrategien zu denken?


Ach, es gibt so viele Dinge, mit denen sich diese TV -Experten eigentlich selbst in jeder einzelnen Folge ad absurdum führen.

 

Aber: 

Die Bequemlichkeit des Menschen - lieber vorgefertigten Mikrowellenfraß zu genießen als selbst zu denken - macht ein solches Format so erfolgreich.

Wenn man sich statt zwei solcher Sendungen in der Woche, nur eine alle zwei Wochen ansehen würde - und dafür jede Woche eine Stunde bei einem wirklichen Experten vor Ort nimmt, spart man sich tatsächlich zwei Stunden Zeit, die man wunderbar mit seinem Hund verbringen kann. Und wenn man dies macht, kommt man nach ein paar Tagen selber drauf, was diese TV Hundetrainings sind:


Berieselung für Gelangweilte.