Die Mär von Behavioristen und Reiz-Reaktions-Maschinen

Jeder, der seine Hunde gewaltfrei trainiert und auch dafür eintritt, dass Hunde gewaltfrei trainiert werden sollten, wird früher oder später damit konfrontiert, dass man ihn als „Behavioristen“ bezeichnet, der seinen Hund zu einer grausamen „Reiz-Reaktions-Maschine“ macht.

Deshalb möchte ich mir gerne ein paar Minuten Zeit nehmen und auf diese Punkte eingehen.

Was ist denn eigentlich Behaviorismus?

Das ist relativ schnell beantwortet. Es handelt sich hierbei um ein wissenschaftstheoretisches Konzept, welches rein darauf abzielt, das Verhalten von Lebewesen zu untersuchen und zu erklären. Auf die Emotionen des Lebewesens wird hierbei keinerlei Rücksicht genommen, bzw. wird dabei das Empfinden und die Emotion ausgeblendet.

 

Wenn man sich diese Erklärung betrachtet, erkennt man eigentlich schon, dass wir überhaupt keine Behavioristen sein können. Warum ? Überlegt einfach mal, vielleicht kommt Ihr selber drauf. Auflösen werde ich es am Ende dieses Beitrages.

Widmen wir uns dem nächsten Punkt, der Reiz-Reaktions-Maschine. Dieser Begriff soll womöglich implizieren, dass ein Hund programmiert wird und auf einen Reiz eine unabdingbar zuverlässige, immer gleiche Reaktion folgt. Also wie bei einem Kaffeeautomaten. Ich drücke „Kaffee“ und es beginnt eine immer gleiche Reaktion auf diesen Reiz. Die Maschine mahlt die gleiche Anzahl an Bohnen, brüht sie in exakt selber Temperatur durch und lässt die immer exakt gleiche Menge an Kaffee aus.

Trifft das wirklich auf unsere Hunde zu? Auf einen Teil ja, aber anders als Ihr denkt und auch seltsamerweise bei nicht den Leuten bei denen Ihr jetzt denkt.

Ich erkläre euch nun, warum diese gesamten Vorwürfe in keiner Weise auf gewaltfrei arbeitende Menschen zutreffen, und wo hier das Paradoxon liegt.

Wenn wir gewaltfrei arbeitenden Menschen mit unseren Hunden arbeiten, dann erforschen wir Ursachen für das Handeln und das Verhalten des Hundes. Wir versuchen zu erkennen, ob der Hund Angst hat, ob er aufgrund schlechter Erfahrungen, Schmerzen, Gefühlen eben so handelt wie er handelt. Wir beziehen also in erster Linie die Emotionen und Gefühle des Hundes mit ein. Ihr erinnert euch, was Behaviorismus ist? Na dann fällt es euch ja nicht schwer zu verstehen, warum wir eben keine sind ;)

Wir beziehen alle Lernformen mit in unsere Konzepte mit ein. Ob das behavioristische Theorien in Form der Lernquadranten, der klassischen Konditionierung sind, oder ob es das soziale, kognitivistische Lernen oder das Habituationslernen ist. Vollkommen egal, bei uns wird nichts ausgeblendet. Wir verzichten lediglich auf das Anwenden von Zwang, Druck und körperlichen und psychisch negativen Einwirkungen auf den Hund, weil wir um die Nebenwirkungen wissen, die meist auf emotionaler Ebene ablaufen. Im Gegensatz zu aversiven Trainern ist uns nämlich hier das Empfinden des Hundes nicht egal. Also wäre ein aversiver Trainer hier ja noch viel mehr Behaviorist als wir, wenn man es mal sachlich betrachtet.

Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass genau die, die am lautesten die oben genannten Begriffe in Richtung der gewaltfreien Szene rufen, eben jene Behavioristen sind, die ihre Hunde zu solchen Reiz-Reaktions-Maschinen machen.

Warum behaupte ich so etwas Gewagtes?

Auch das ist selbsterklärend. Ich lasse meinem Hund die Wahl. Ich fordere nicht ein bestimmtes Verhalten in einem gewissen Emotionszustand. Ich belohne jedes Verhalten, bei dem der Hund sich wohl fühlt. Ich versuche sein Selbstbewusstsein und seine Handlungskompetenz zu stärken.

Doch was ist nun mit den ganzen Aversivreiztrainern?

Sie geben den Hunden genau eine Möglichkeit: Meide oder werde gestraft!

Pöbelst du, fliegt dir eine Gießkanne an den Kopf. Gehst du nicht schön neben oder hinter mir, bewerfe ich dich mit Schellen oder rucke an der Leine. Machst du irgendetwas was mir nicht gefällt, gibt’s eine auf den Deckel.

Was lernt der Hund dadurch? Wird ihm wirklich soziale Kompetenz gelehrt? Oder ist es für diese Menschen einfach so, dass der Hund zu tun hat, was der Mensch will und keine eigenen Entscheidungen treffen darf? Da sind wir dann wieder beim Begriff der Reiz-Reaktions-Maschine.

Auf den äußeren Reiz zeigt der Hund das immer gleiche Verhalten. Er meidet.

Und da sprechen diese Menschen tatsächlich von R-R-Maschinen, wenn sie selber nur laufende Kaffeeautomaten neben sich haben?

Mal ganz davon abgesehen, dass Theorien des Behaviorismus aus der operanten Konditionierung, die ja trotzdem ihre Gültigkeit haben gerne abgestritten werden und mit irgendwelchen Fachbegriffen überlegt werden. Wenn man aber näher hinsieht, fragt man sich, wo diese Leute eben jene Begriffe her haben. Wenn gerne von intrinsischem Lernen die Rede ist, stellen sich mir die Haare auf.

Oft ist festzustellen, dass Aversivtrainer die Taktik fahren, schmeiße mit Fachbegriffen um dich, die du selber nicht verstehst, in der Hoffnung, das Gegenüber kapiert sie auch nicht.

Liebe Leute intrinsisch ist erst mal nur die Motivation. Beispiel: Ein Kind will gute Noten schreiben und lernt daraufhin aus intrinsischer Motivation viel. Wann setzt aber nun der Lerneffekt ein?

Ganz einfach, wenn auf das viele Lernen eine positive Konsequenz erfolgt. Entweder dass man eine gute Note schreibt, was dann positive Verstärkung wäre und dem bösen Behaviorismus zuzuschreiben ist, oder wenn etwas Unangenehmes ausbleibt. Man fällt nicht durch und erreicht das Klassenziel. Negative Verstärkung, ups Skinner ist wieder hier.

"Aber die ganzen Vokabeln wurden ja aus intrinsischer Motivation gelernt". Korrekt, bleibt aber dir positive Konsequenz aus, wird das Kind sein Verhalten aber einstellen und eben nicht mehr so viel lernen.  

Intrinsisch und extrinsisch kann die Motivation sein. Der Lerneffekt setzt aber nicht aufgrund dessen ein.

Anderes Beispiel gefällig?

Der Hund hat eine intrinsische Motivation, er möchte aus eigenem Antrieb heraus etwas erreichen. Was möchte denn ein Hund aus eigenem Antrieb heraus erreichen? Ist das daraus resultierende Verhalten, das der Hund versucht, um sein Ziel zu erreichen wünschenswert oder hilfreich im sozialen Zusammenleben? 

Ist es denn toll, wenn der Hund sieben verschiedene Möglichkeiten kennt, wie er sich Essen vom Tisch stibitzen kann? Ich finde es persönlich immer wieder erstaunlich, dass gerade jene, die gerne sämtliches unerwünschte Verhalten durch Strafe unterdrücken, von Lernen aus Motivation heraus sprechen.

Übrigens erfolgt auch der eigentliche Lernerfolg hieraus über Versuch und Irrtum  Und schon sind wir wieder in der schlimmen behavioristischen Schiene.

Darüber könnte ich eigentlich den ganzen Tag reden, aber es ist ja nur ein Blog. Und wenn ihr auch noch so sehr versucht, neue Lerntheorien zu erfinden, bestehende Lerngesetze durch falsch verwendete Fachbegriffe zu „widerlegen“ ändert es an den Fakten nix.

Ihr nehmt keine Rücksicht auf die Gefühle und Emotionen eurer Hunde. Ihr deckelt ihr Verhalten und macht sie zu Maschinen. Ihr macht derartig oft vom Quadranten der positiven Strafe gebrauch, dass ihr es wahrscheinlich schon gar nicht mehr merkt. Aber Hauptsache das Leckerli ist die Wurzel allen Übels. Die Gießkanne oder der Schlauch, der euerm Hund um die Ohren fliegt, oder der schmerzhafte Kniff in den Unterleib ist natürlich viel besser als ein Leckerchen.

Ich habe mir mittlerweile angewohnt, mit Leuten, die die o.a. Begriffe verwenden nicht weiter zu diskutieren. Da lese ich meinem Esstisch lieber eine Geschichte vor. Da ist die Zeit sinnvoller verwendet. 

 

Andy