Eine Wahl lassen

"Eine Wahl lassen" finde ich ganz elementar für die Art und Weise, wie ich mit einem, meinem Hund zusammenleben möchte. Ich möchte keine Eingabe-Ausgabe-Maschine, die ohne mich nicht recht weiß, was sie tun (und lassen) soll. Ich möchte keinen Hund, der ständig gedeckelt neben mir her läuft, unsicher darauf wartend, was ihm wohl als nächstes verboten oder angeschafft wird. Ich habe einmal einen Beagle gesehen, der in sehr kaninchenreicher Gegend den Weg nicht verließ, noch nicht einmal die Nase am Boden hatte. Seine Begleitperson darauf angesprochen, meinte diese sehr traurig, dass sie es auch nicht mit ansehen könne, die Besitzer dies aber durch gewaltsames "Training" erreicht hätten und der Hund leider auch bei ihr nur noch dieses gehemmte Verhalten zeige...


Paula wurde nie gefragt, ob sie gerade von mir aus dem Tierheim geholt werden möchte, ob sie gerade mein Leben mitführen möchte. Ich erwarte keine Dankbarkeit von ihr für die "Rettung", ich sehe ganz im Gegenteil meine Verantwortung, ihr ein wenn schon nicht selbstgewähltes, so doch zumindest möglichst selbstbestimmtes Leben bieten zu können.

"Selbstbestimmt" hat natürlich Grenzen - da, wo andere Lebewesen in ihren Wünschen, Bedürfnissen oder gar ihrer Unversehrtheit beeinträchtigt werden (oder auch der Hund selbst). Da, wo die Belange mehrerer Lebewesen unter einen Hut gebracht werden müssen. Aber auch da setzt gutes Training an, Training, das dem Hund alternative Verhaltensangebote macht und diese so gestaltet, dass der Hund im besten Fall selbst auf die Idee kommt, diese zu wählen. Und statt - im Beispiel "Jagdverhalten" - Paula einen engen Radius "anzutrainieren", der für speziell diesen Hund lediglich Stress wäre, da sie Strecke machen, Gas geben, sich richtig lang machen, fliegen will - die Nase mal im Wind, mal am Boden - haben wir die Vereinbarung, dass sie auf mein Signal hin umgehend wieder in meiner Welt eindockt, in der sie etwas erwarten kann, das ihren aktuellen Bedürfnissen so weit wie möglich entgegenkommt.
In manchen Gebieten heißt das jedoch auch, dass die Schleppleine dran kommt - das ist für Paula weniger stressig, als wieder und wieder aus dem Arbeitsmodus abgerufen zu werden.

"Eine Wahl lassen" sehe ich aber in erster Linie auch in ganz vielen kleinen Dingen. Paula morgens die Wahl lassen, ob sie schon aufstehen möchte, oder lieber noch liegen bleibt. Ihr die Wahl lassen, ob das Morgen-Pipi im Garten oder auf einer Gassirunde erledigt wird. Ihr die Wahl lassen, wo sie sich gerade im Haus aufhalten, wo sie sitzen, stehen, liegen möchte. Tut mir alles gar nicht weh... Und wenn ich doch einmal genaue Vorstellungen habe, kann ich auch das Paula jederzeit sagen und mir sicher sein, dass sie das entsprechend umsetzt.

Beim Spazierengehen die Wahl lassen, wo sie langgehen möchte (habe ich ein Ziel, ist sie sofort dabei, habe ich das nicht, schlendere ich ihr gerne auch einfach mal hinterher und finde es sehr spannend, wie sie gehen möchte). Ihr die Wahl lassen, an einer Schnüffelstelle etwas länger zu verweilen - zumal ich ja gar nicht weiß, weshalb sie an der Stelle länger als sonst braucht. Riecht es heute nur besonders toll? Ein respektabler Grund. Oder hat Paula vielleicht auf dem Weiterweg etwas entdeckt - einen Menschen, Hund, Gegenstand, der ihr unheimlich ist, eine für sie komische Situation - und möchte dem Gegenüber durch ihr Schnüffeln etwas mitteilen und sich selbst und dem Gegenüber gleichzeitig die Gelegenheit geben, die Distanz etwas zu vergrößern?

Im Freilauf jedes Stehenbleiben markern, mit "weiter" belohnen und ihr die Wahl lassen, ob sie das möchte oder stattdessen im Renngalopp bei mir andockt und sich eine Belohnung abholt. Ihr die Wahl lassen, mir unterwegs auch mal zu sagen, dass sie jetzt dringend einen kleinen Snack bräuchte. Ihr auch im Auto die Wahl lassen, ob sie lieber im Kofferraum oder lieber auf der Rücksitzbank sitzt - für mich als Mensch kein großer Unterschied (entsprechend sichern kann ich sie, da wie dort), aber für sie vielleicht ausschlaggebend, ob ihr schlecht wird, sie raus sehen kann, sich wohl fühlt...

Ihr die Wahl lassen, bei einem Stadtspaziergang den Eingang in ein Geschäft zu verweigern, weil die Lüftung dort besonders stark bläst. Ihr die Wahl lassen, über eine Brücke nicht zu gehen, über die sie zuvor schon oft gegangen ist und auch danach wieder problemlos gehen wird, weil sie an diesem Tag nicht (mehr) gut drauf ist, schon viel Tapferkeit verbraucht hat. (Ich selbst habe zum Beispiel beim Klettern auch am einen Tag mehr Moral, am anderen weniger - was soll´s?)

Klingt das nach einem Hundeleben ohne Regeln und Grenzen? Ein Hund in unserem Alltag ist in ein so enges Korsett gesteckt, hat so vielen gesellschaftlichen Regeln Folge zu leisten - da finde ich es nur legitim, ihm in den kleinen Dingen des Alltags so viel Freiheit wie möglich geben zu können. Mit einem ganzen Sack zuverlässig funktionierender Signale im Gepäck, die den Hund zu jeder Zeit abrufbar machen, Verhalten unterbrechen. Regeln und Grenzen - also ganz klar: ja. Fair aufgebaut, mit Freude befolgt und entsprechend honoriert. Schikane in den kleinen Dingen, die der Welt und mir nichts tun? Nein, ganz sicher nicht.

Und so freue ich mich auch morgen wieder auf den Moment, wenn ich Paula zuflüstern kann "Lauf los, hab Spaß, sei Hund" und die Leine abmache...

 

Ein Blogbeitrag von Susanne Uebler