Alle reden über positives Hundetraining, ......

doch wissen sie überhaupt, wovon sie da sprechen?

Ihr kennt die Situationen sicher alle. Man redet begeistert über positives Hundetraining und erhält Gegenargumente, die einen am Gegenüber stark zweifeln lassen.

Manchmal kommt es mir so vor, als würde ich mit jemandem Spielzüge des WM Finales analysieren, der das Spiel überhaupt nicht gesehen, geschweige denn die Regeln dieses Sports verstanden hat.

Ich möchte euch deshalb als Beginn einer Reihe, in der wir mit den grossen Mythen und wahnwitzigen Argumenten von Befürwortern des aversiven Trainings aufräumen wollen, heute die typischen Argumente aufzeigen, an denen ihr erkennt, dass euer Gegenüber das positive Hundetraining von Grunde auf nicht verstanden hat.

Einleiten möchte ich damit, dass ich auch um die Argumente der Gegenseite weiß. Da ich lange genug im Hundebereich unterwegs bin, kommt man gar nicht umhin, früher auch diverse aversive Fortbildungen besucht und auch seiber aversiv gearbeitet zu haben.

Aber wie es in allen Dingen im Leben ist, sollte man sich ständig weiterentwickeln und auch reflektieren. Nicht alles, was funktioniert ist gut.


1. Funktioniert nur noch mit Leckerchen

Ein häufiges Argument gegen die Leckerlibelohnung. "Der Hund funktioniert doch dann nur noch mit Leckerchen. Ich will nicht überall Leckerlis mit hin nehmen. Er soll ja auf mich hören, nicht wegen der Leckerlis"

Also, zu Beginn muss ich sagen:
Ja, das stimmt. WENN man einen Kaffeeautomaten vor sich hat. Einen Kaffee bekomme ich nur gegen Bezahlung. Das wird sich auch in 20 Jahren noch nicht geändert haben. Leistung für Gegenleistung.
Nun ist der Hund aber kein Kaffeeautomat. Ein Hund ist ein Lebewesen mit Gefühlen, Emotionen und Hormonen.

Durch die Erziehung mit Leckerlis und Belohnungen, geben wir dem Hund nicht nur ein positives Feedback für eine gezeigte Leistung, sondern wir bauen eine für den Hund positive Belohnungsgeschichte.

Sein Körper schüttet durch die Belohnung Glückshormone aus. Im Laufe des Trainings verknüpft der Hund den Auslöser dieses Glücksgefühles mit dem tollen Gefühl.
Das Signal selbst löst die Belohnungsgeschichte aus und wirkt somit auch belohnend.
Warum rennt mein Hund auf meinen Rückruf extrem freudig und glücklich zu mir zurück?

Ganz einfach, er hat den Rückruf mit der Belohnung verknüpft und somit werden beim Rückruf bereits Glückshormone ausgeschüttet.

Natürlich sollten wir unsere Hunde trotzdem noch belohnen und nicht gänzlich drauf verzichten. Aber wir brauchen deshalb nicht immer und überall kiloweise Leckerlis mit hin schleppen. Das ist Quatsch.

2. Leckerli ist Bestechung

Eines der häufigsten Argumente, das bei näherer kurzer Überlegung eigentlich komplett falsch ist.

Warum?

Ganz einfach. Belohnung erfolgt NACH dem Verhalten, Bestechung erfolgt VOR dem Verhalten um das Verhalten zu erreichen.

Ich sage ganz sachlich, aber auch provokativ:
Wer besticht, trainiert nicht positiv.
Bestechen ist, den Hund in eine unangenehme Situation zu locken. Ein Verhalten zu erreichen, welches der Hund in diesem Moment nicht zeigen will. Sei es, weil es ihm unangenehm ist, weil er Angst hat, weil er Dinge noch nicht kennt und deshalb vorsichtig ist.
Sollen wir den Hund also nun, entgegen seiner Emotionen locken und in eine unangenehme Situation bringen? Nein, weil das auch gar nicht erforderlich ist.
Wir machen uns Dinge zu nutzen, die auf den Hund positiv wirken. Wir nutzen sie, damit der Hund ein Verhalten gerne und freiwillig ausführt und belohnen es.

Wir geben positives Feedback.

Wenn ich den Hund "locke", bezw. in eine Situation führe, dann habe ich ihn vorher bereits durch belohnungsbasiertes Training entsprechend vorbereitet und ein positives Gefühl in ihm erzeugt. Das ist aber fernab von Bestechung.

Natürlich gibt es aber auch Situationen, in denen jeder einmal seine Hunde auch besticht, man denke an die Medikamentengabe. Aber das hat dann ja auch nichts mit Training oder Erziehung zu tun, sondern damit, ein notwendiges Mittel so angenehm wie möglich zu gestalten  

3. Komm mal an meinen Hund, da kannst dich totklickern

Dazu kann man ganz einfach entgegnen, dass Lernverhalten bei allen Hunden gleich ist.
Wenn Du bei Deinem Hund noch keinen Weg gefunden hast, ihn motivierend zu klickern, dann solltest Du dringend an Deinem Fachwissen arbeiten, und für Deine eigenen Defizite nicht den Hund als Vorwand herhalten lassen.

4. Bei meinem funktioniert das aber nicht

Analog zu Punkt 3.
Lernverhalten ist bei allen Hunden identisch.
Einziger Unterschied:
Hunde sind Individuen. Was bei dem einen Hund belohnend wirkt, juckt den anderen nicht.
Ergo solltest Du beginnen, Deinen Hund kennenzulernen, was ihm Spaß macht, was er toll findet. Wenn Du lernst, Deinen Hund zu motivieren, dann wirst Du auch Wege finden ihn zu belohnen. Wenn Du diese Wege gefunden hast, wirst Du mal sehen, wie gut das auch bei Deinem Hund funktioniert.
Leute die sagen, "das funktioniert bei meinem nicht", sagen nichts über den Hund aus, sondern lediglich, wie schlecht sie ihren eigenen Hund kennen und einschätzen können.

5. Das klappt vielleicht bei einem Labrador, aber bei einem richtigen Hund brauchst so nicht kommen

Dazu die Frage: Was ist denn ein richtiger Hund?

Wie gross muss er sein, wie schwer? Welche Verhaltensauffälligkeiten muss er besitzen um ein richtiger Hund zu sein?

Trainiere ich eine aggressiven Labrador, heisst es "ach, das ist n Labbi, komm du mal an nen richtigen Hund".
Trainiert Cesar Millan einen Labrador, der ihn noch dazu beisst, weil er den Hund nicht einschätzen kann, dann heisst es : "das ist ein hochaggressiver Hund, so einen nimmt kein anderer". Ähm doch, denn genau bei so einem hieß es vorher noch, dass es doch kein richtiger Hund sei.

Trainiere ich einen Chihuahua, der in alles beisst, was sich bewegt, heisst es: "ach, 3 Kilo Hund. Ist ja kein richtiger Hund". Trainiert Millan selbiges Kaliber und weiss sich nicht anders zu helfen, als den Hund (3 Kilo wohl gemerkt) mit Gewalt auf den Boden zu drücken, bis er aufgibt, wird gesagt: "anders geht es bei dem ned!" Ähm doch, weil es doch vorhin noch gar kein richtiger Hund war.

Egal, welche Art von Hund Du trainierst, wenn jemand dagegen reden will, dann wird es niemals ein richtiger Hund sein.

Ich verfahre da eher nach dem Credo:
Sieht aus wie Hund, ist auch Hund.
Falsche Hund gibts im Gegensatz zum Hasen ja nicht ;)

6. Clickern ist nur was für Tricks. Für die Erziehung kannst es vergessen.

Warum kann man einem Hund mit Klicker beibringen ein Flugzeug zu fliegen, ein Auto zu fahren, Skateboard zu fahren, Socken aufzuräumen, in Gegenstände zu beissen, aber angeblich nicht, locker an der Leine zu laufen, nicht zu beissen, nicht seine Ressourcen zu verteidigen, nicht auf die Couch zu gehen wenn man das nicht will, nichts vom Tisch zu klauen, etc etc?

Nur weil man nicht weiß, wie es geht, heisst es nicht, dass es nicht geht :)

7. Woher soll der Hund wissen, was unerwünschtes Verhalten ist, wenn ich ihn nicht reinlaufen lasse und es korrigiere?

Woher weiß dein Hund was richtiges Verhalten ist? Klar, ich zeige es ihm.
Woher weiß dein Hund dann was unerwünscht ist? Auch das zeige ich ihm. Und zwar nicht, indem ich warte bis er etwas falsch macht, zb mich anspringt und ihm dann das Knie reinramme. Nein, ich bin einen Tick schneller und zeige ihm erwünschtes Verhalten, bevor unerwünschtes auftritt. Ich gebe zu, dazu sollte man in der Lage sein zu antizipieren, mitzudenken und ein gutes Timing haben. Aber auch das sind wiederum Fähigkeiten, die menschlich bedingt Fehler generieren.

Ich warte also nicht bis der Hund springt, sondern belohne eine Sekunde eher, eben wenn er noch nicht springt. Konsequenz: Der Hund bleibt unten.

Und genau das funktioniert in jedem Bereich.
Wir wollen doch immer so souveräne und tolle "Führer" sein. Dann führen wir doch unseren Hund auch und lassen ihn nicht erst alleine, um ihn dann zu strafen.
Das ist nicht nur fachlich total daneben, sondern auch moralisch

8. Ich strafe nicht, ich korrigiere.

Was soll durch die Korrektur erreicht werden?
Dass der Hund das Verhalten weniger zeigt?
Ok, dann strafst Du. Ob Du selber es nun Korrektur oder Ventildeckelinnenbeleuchtung nennst, ist egal. Es ist faktisch Strafe!

Korrektur kommt vom lateinischen correctura.
Etwas verbessern, ausbessern.
Doch mal ehrlich, um etwas zu verbessern, oder auszubessern, reicht es nicht, ein Wort aus einem Satz rauszustreichen. Ich muss ein neues einfügen.

Was lernt der Hund durch die Korrektur?
Ok, das darf ich nicht. Und nun? Was will ich stattdessen von ihm?
Das wird den meisten korrigierten Hunden nämlich nicht vermittelt.
Nein, es bleibt halt dann nur die Korrektur aus.
Das ist aber kein korrigieren. Das ist, den Hund zu strafen wenn er was falsch macht. Und alles andere ist ein Hund, der keine Initiative zeigt aus Angst vor weiterer Strafe.
Wollen wir das ?

Ich nicht !

Ich brauche einen Hund nicht zu korrigieren, wenn ich entsprechend eine Vorstellung habe, was ich von ihm möchte und wie ich es erreiche.

Diese ganze Korrigiererei ist doch letzten Endes nur Ausdruck menschlicher Hilflosigkeit.

Ich würde mir wünschen, dass sich die Menschen erstmal richtig über positives Training informieren, anstatt bei Dingen mitzuquatschen, von denen sie keine Ahnung haben.

Euer Andy